Nachbericht: Heimat in der Ferne Flucht und Integration — eine aktuelle Bestandsaufnahme
Nachbericht: Heimat in der Ferne Flucht und Integration — eine aktuelle Bestandsaufnahme
Nachbericht: Heimat in der Ferne Flucht und Integration — eine aktuelle Bestandsaufnahme
Podium: Karlheinz Beer, Gabriele Engel, Lore Mühlbauer, Rami Kasbari, Rawi Alazar (v.l.)


Montag, 23. November 2015, 19:00 Uhr
Bayerische Architektenkammer, Waisenhausstraße 4, München

Gäste:
Rami Kasbari, Architekt, Ramallah derzeit Student an der TU München
Dr. Lore Mühlbauer, Regierung von Oberbayern, München
Ministerialrätin Gabriele Engel, Oberste Baubehörde, München 
Rawi Alazar, Architekt, Damaskus und derzeit Asylsuchender, Mittenwald 

Moderation: Karlheinz Beer, Landesvorsitzender BDA Bayern

»Die vielen Geflüchteten, die momentan zu uns kommen, haben ein Recht auf menschenwürdigen Wohnraum, genauso wie jeder Einheimische«. Gleich in seiner Begrüßung bezog Moderator Karlheinz Beer, Vorsitzender des BDA Bayern, die klare Position der Architektenschaft: »Wir fordern einen nachhaltigen Städtebau, der Getthoisierung nicht zulässt, es geht bei der Wohnungsfrage nicht nur um Zahlen, sondern vor allem um Qualität«

Doch sind die Architekten bisher wirklich eingebunden in diesen städtebaulichen Integrationsprozess?
Allein schon die Zusammensetzung der Podiumsteilnehmer versprach aktuellste Informationen aus erster Hand, entsprechend voll besetzt war der Saal. Architekt Rami Kasbari aus Ramallah, der zurzeit an der TU München studiert,  gab eine Einführung in die Wohntraditionen und die aktuellen Lebensumstände in Syrien. Rawi Alazar, der als Architekt in Damaskus Schulbauprojekte betreute, berichtete von den Stationen seiner Flucht aus Syrien über die Erstaufnahmestation Miesbach bis nach Mittenwald. Im Anschluss zeigte Lore Mühlbauer von der Regierung Oberbayern nicht nur die Anstrengungen und Ergebnisse bei der Aktivierung von bisher ungenutztem Wohnraum, sie stellte auch die für diesen Abend entscheidende Frage: »Was können wir Architekten tun – und was nicht?« und bekräftigte »Schnell, schnell darf es nur bei der Erstaufnahme gehen, beim Bauen dürfen wir die Qualität nicht aus den Augen verlieren«.

Unter dem Titel »von der Erstaufnahme zur Sozialwohnung« zeigte Gabriele Engel den Verfahrensweg der Asylantenunterbringung in Bayern auf. Wie aufwändig dieser Prozess für die Verwaltung ist, zeigt der Flächenbedarf von 50 Prozent der insgesamt 10 000 m2 Hauptnutzfläche in der neu entstehenden Erstaufnahmestation in Regensburg. Im Anschluss stellte sie den »Wohnungspakt Bayern« der Staatsregierung vom 9. Oktober 2015 vor, der den Notstand mit der Schaffung und Finanzierung von zusätzlichem Wohnraum abmindern soll. Insgesamt 2,6 Mrd. Euro stehen bis 2019 zur Verfügung, um ca. 28 000 Wohnungen zu errichten – aufgeteilt in ein staatliches Sofortprogramm, kommunale Förderung und eine ergänzende Wohnbauförderung auf privaten Grundstücken. Die Impulsvorträge sorgten nicht nur auf dem Podium für reichlichen Diskussionsbedarf, sondern auch im Publikum. Welche Unterschiede gibt es zwischen der Wohnkultur in Syrien und Bayern?  »Wir Syrer können sehr gut in deutschen Wohnungen leben«, versicherte Rawi Alazar. »In Syrien sind wir eine konsequente Trennung von öffentlichem Raum und Privatsphäre gewohnt. Gemeinschaftsunterkünfte mit 200 Menschen und nur fünf Toiletten, wie in Miesbach – ohne Abtrennungen für stillende Mütter oder zum Umziehen – sind für uns besonders schwierig«.

Für die meisten Kontroversen sorgte jedoch die Vorstellung des »Wohnungspakts Bayern«. Die größte Überraschung: An den Standards für Brandschutz, Schallschutz, Energie und Barrierefreiheit wird die Regierung auch bei den neu zu erstellenden Wohnungen keine Abstriche machen. »Weshalb gibt es im Rahmen des Sofortprogramms, außer weniger Fläche pro Person, keine Lockerung der Vorschriften für experimentelle Projekte?«. Die Antwort ist pragmatisch: Gerade diese Bauten müssen in den nächsten zwei Jahren errichtet sein, für lange Entwurfsprozesse und Genehmigungsverfahren bleibe keine Zeit. Architekten könnten sich aber im Team mit Herstellern als Start-up mit baufertig entwickelten Modulbauweisen bewerben. Viele Kollegen zeigten sich zunächst enttäuscht, dass die finanziellen Mittel nicht teilweise für Architektenwettbewerbe verwendet werden dürfen, sondern an Baumaßnahmen gebunden sind. Auf die Frage von Karlheinz Beer, wie die Qualität der vielen Neubauten dennoch gesichert werden kann, folgte eine klare Aufforderung von Gottfried Weiß von der Obersten Baubehörde: »Architekten müssen selbst Initiative ergreifen und sollten als Berater auf die Kommunen und Landratsämter zugehen. Auch die Architektenkammern, sollten aktiv auf die Bürgermeister und Wohnungsbaugesellschaften zugehen und sie von Wettbewerben überzeugen. Gerade im Fall der Wohnungen für Geflüchtete kann eine unabhängige Jury die Akzeptanz in der Bevölkerung wesentlich erhöhen. Erst wenn die Bürgermeister überzeugt werden können, kommt die Sache ins Rollen«.

»Ein großes Verdienst tragen natürlich schon jetzt die zahlreichen Architekten und Architektinnen, die sich seit Wochen in den Verwaltungen und in der Regierung mit großem Engagement direkt mit der Thematik befassen, auch einige freiberufliche Kollegen sind an konkreten Bauvorhaben beteiligt, aber das Potenzial unseres Berufsstandes ist weit größer«, so Karlheinz Beer zum Abschluss des Abends.

BDA Bayern

Zum Nachhören:

BR2 Kulturjournal vom Sonntag, 29.11. die Sendung Lebensparadoxien und andere Überlegungen“ von Moritz Holfelder 

 

 

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